Unser Hochzeits-Tagebuch

Montag
25. Oktober 2021

Die Zwergenhochzeit

Der flackernde warme Schein ewiger künstlicher Fackeln beleuchtet eine hohe Halle exakt auf Meereshöhe unter dem mächtigen Götterberg namens Ol. Wer die Zwerge und ihre goldvernarrte Kultur nur oberflächlich kennt, würde an einem derart wichtigen Ort Geschmeide und Edelsteine als Verzierung vermuten, doch weit gefehlt. Das Wunder von Spitzkuppel, das es dem Raum erlaubt ohne Säulen auszukommen, ist sogar völlig schmucklos und unbeleuchtet, so dass sich seine Spitze unsichtbar in tiefer Dunkelheit befindet. Die senkrechten Wände dagegen schmücken vier gewaltige Mosaike aus verschiedenfarbigen halbedlen Mineralien für feinste Farbabstufungen. Die Rückwand, in welcher sich im Gegensatz zu den anderen drei Wänden kein Torbogen öffnet, ist besonders prachtvoll und bunt. Sie verehrt mit Impressionen von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gleichzeitig die Götterstatue, der diese Halle gewidmet ist. Echnat ist der Name den die Zwerge ihrem Gott gegeben haben. Er steht kerzengeraden Rückens im Zentrum der Sonnenscheibe, mit drei Metern Höhe doppelt so groß wie ein Zwerg, und schaut aus gütigen steinernen Augen auf seine Untertanen herab. Sein fein geschnittenes Gesicht mit der schmalen Nase und den hohen Wangenknochen macht es schon offensichtlich, dass die Zwerge ihn in den Tiefen gefunden und nicht selbst gemeißelt haben. Und auch seine zeremonielle Robe mit den unglaublich detaillierten Falten, sowie sein nicht weniger detailverliebt gearbeitetes schulterlanges Haar deuten darauf hin, denn die Zwerge sind sehr stolz auf ihre Bergarbeiterkluft und empfinden selbst ihre Zeremonienroben ihr nach und auch ihre Frisuren sind immer praktisch und kurz. Zu allem Überfluß hat er keinen Bart. Die in seinen Augen rechte Seitenwand zeigt den Tag seiner Entdeckung. Auf dem Mosaik stecken seine Füße noch im Fels, der von zwei Bergleuten mit vorsichtigen Spitzhackenschlägen entfernt wird. Geschäftiges Treiben umgibt ihn. Perspektivisch gewagte Darstellungen der verschiedenen Minen und all ihre Reichtümer werden kaum dem Berg entrissen in seine Richtung bewegt. Sein Kopf aber ist nach rechts gewandt und abgewendet vom Sonnenglanz. Die linke Seitenwand zeigt den Tag an dem er den Zwergen seinen Willen kundtat. Wieder sind seine Füße nicht zu sehen, denn sie sind begraben unter Reichtümern. Prunkvoller Goldschmuck, glänzende Münzen, riesige Edelsteine mit Fassung und auch lose bedecken den Boden um ihn. Doch die Zwerge auf dem Mosaik sind trotz ihres feinen Ornats nicht mit seiner Anbetung beschäftigt. Sie waren offensichtlich gerade dabei als er etwas tat, dass sie tief und gründlich Staunen machte: Er drehte seinen Kopf nach links, wiederrum abgewandt von der Sonne. In der Frontwand ist keine kleine Tür wie in den beiden Seitenwänden, sondern ein prachtvoller Torbogen, so hoch wie der ebenerdig stehende Gott Echnat. Er muss auf diesem Mosaik auch gar nicht dargestellt sein, denn jeder Zwerg weiß, dass er an jenem lang vergangenen Tag eineinhalb Drehungen mit seinem Kopf machte und so kopfschüttelnd gebot ihn nicht anzubeten. Deshalb zeigt das Bild die fröhlichen Szenen, die sich fortan in dieser seiner Halle abspielten. Es zeigt Kinder bei lustigen Spielen, schwatzende Frauen, Männer, die um eine Holzkiste versammelt einem Redner lauschen, Musiker mit allerlei blitzenden Metallinstrumenten und natürlich Tänze, von denen die Zwerge trotz ihrer plumpen Gestalt einen reichen Kulturschatz haben.

An diesem Tage erwartet den Saal jedoch die einzige Kulthandlung, die noch zu ehren Echnats durchgeführt wird. Eine Hochzeitszeremonie dieser lebenslang treuen unterirdischen Wesen. Zuerst betreten die Hochzeitsgäste den Raum im Gänsemarsch durch die schmalen Seitentüren. Männer von rechts, Frauen von links in gleicher Anzahl, wie es Brauch ist beim Einladen von Hochzeitsgästen. Mit würdevollen gestelzten Schritten schreiten sie entlang der Rückwand aufeinander zu, nur um vor Echnats Füßen zur Mitte hin abzuknicken. Dies wiederholt sich zuerst an den Wänden und dann im genau festgelegten Abstand vor der schreitenden, nicht enden wollenden Gästereihe. So bilden sie zwei luftige eckige Spiralen und sobald sie ihre Mitte erreicht haben, beginnen Sie ihre Zwischenräume zu füllen und rhythmisch zu klatschen. Waren vorher nur die leisen eleganten Schritte zu hören, so schwillt nun mit jedem Zwerg, der die Mitte passiert, das Klatschen an, um dann sämtliche Anwesenden zu ergreifen, in dem Moment in dem die zwei Ketten zum Stillstand kommen und das Hochzeitspaar den Saal betritt durch den prunkvollen Torbogen. Der Bart des Mannes und das für diesen Jubeltag langgewachsene Haar der Frau sind mit Zöpfchen und Strähnen, winzigen goldenen und silbernen Kämmen und blitzenden Edelsteinperlen geschmückt und frisiert. Beide tragen die gleiche, nie benutzte, einfache Arbeitskluft um zu zeigen, dass es harte Arbeit ist einander lebenslang zu ertragen und winzige Helmchen aus Gold, die symbolisieren, dass sie sich nicht in der Gefahr befinden von fallenden Steinen erschlagen zu werden, der häufigsten Todesursache bei den langlebigen Zwergen. Es werden keine Schwüre gesprochen. Jeder Zwerg weiß, was eine Ehe bedeutet von seinen Eltern, es zu wiederholen wäre eine Beleidigung dieser sowie seines Gedächtnisses. Nein das Brautpaar geht langsam durch den Gang, der nicht zufällig von seinen engsten Vertrauten gebildet wird und fragt dann unisono jene geheimnisvolle Statue, ob sie seiner Verbindung ihren Segen gibt. Es folgt ein gespanntes Schweigen von mehreren Minuten Länge, gekrönt und beendet von Jubel- und Hochlebe-Rufen, wenn klar wird, dass Echnat wiedereinmal nicht den Kopf schütteln wird, ja vielleicht nie wieder, weil die Zwerge alles richtig machen mit ihrem Atheismus.


 
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